Z. liebte es, den Studierenden bei Gesprächen über das Lehrer-Schüler-Verhältnis zuzuhören. Darauf angesprochen, kam schmunzelnd die Antwort: «Ich verstehe einfach nicht, worüber ihr sprecht. Lehrer? Was ist denn das? Es gibt doch keine Lehrer, wir sind doch alles Schüler!»
Über eine Schülerin sagte Z.: «Sie ist eine gute Pädagogin: Sie lässt sich bei einem Schüler durch das, was er ist, nicht darüber hinweg täuschen, was möglicherweise aus ihm werden kann.»
«Ich möchte dir eine Frage stellen», sagte eine Schülerin zu Z. «Ist diese Frage sehr wichtig für dich?», fragte Z. zurück. «Aber sicher! Sonst würde ich dich ja nicht fragen wollen.» «Gut, dann kann ich deine Frage nicht beantworten.» «Warum denn nicht?» fragt die Schülerin verwundert. Da sagte Z.: «Weil ich nur die weniger wichtigen Fragen beantworte. Je wichtiger und je dringender eine Frage für jemanden ist, desto eher ist die Antwort in ihm selbst angelegt.»
«Diese Bestimmung …», seufzte Z. des Öfteren, «diese Bestimmung! Es ist so schwer, sie zu erkennen und daran zu glauben. Sie zu leben, ist dann schliesslich einfach.»
Auf Bergtouren hatte Z. die Angewohnheit, jeweils ein kurzes Stück unterhalb des Gipfels umzukehren. Darauf angesprochen, kam nur ein unwilliges Brummen: «Warum versteht ihr das nicht? Der Berg ist gross, die Landschaft weit, doch der Platz auf dem Gipfel ist eng. Wegen der Schönheit der Gegend bin ich hier, nicht wegen des Gipfels, ich brauche ihn nicht.»
Z. hatte einen Schüler, der immer von der Schönheit schwärmte, von Naturschönheiten, von schöner Kunst. Z. entgegnete ihm einmal: «Ist dir auch schon aufgefallen, dass dem Schönen gleichzeitig immer auch etwas Trauriges innewohnt? Die Faszination der Schönheit liegt in ihrer Vergänglichkeit. Vielleicht ist sie uns deshalb Trost.»
«’Wer zur Quelle will, muss gegen den Strom schwimmen’, sagt man, … so ein Unsinn! Ihr müsst nirgendwohin schwimmen!», widersprach Z., «Ihr seid selbst die Quelle!»
«Es ist so schade», erzählte ein Bekannter Z. über einen Klavierschüler, «er hat so gut geübt, er konnte das Stück so gut – dennoch hat er dann beim Vorspiel so viele Fehler gemacht.» «Das ist doch gar nicht so wichtig», meint da Z. «Worum geht es denn beim Erlernen einer Kunst? Nicht um das, was dabei ‚heraus’-kommt, sondern um das, was dabei ‚herein’-kommt, in den Menschen herein: Nicht der flüchtige Moment einer Vorspielsituation zählt, sondern der Weg, den der Schüler mit dem Stück zurückgelegt hat.»
Z. sagte einst zu einem Schüler: «Wenn du eine Frage hast, komm zu mir und stelle sie mir!» Ein Jahr vergeht, der Schüler kommt nicht. Da fragt ihn Z.: «Hast du denn keine Frage?» «Oh doch», sagte der Schüler, «ich hatte tausend Fragen. Du hast mir aber gesagt, ich solle zu dir kommen, wenn ich eine Frage hätte. So überlegte ich mir, welche meiner vielen Fragen ich dir stellen wollte, welche für mich die wichtigste ist. Ich wählte aus, bis es nur noch ganz wenige waren. Ich entschloss mich schliesslich für eine ganz bestimmte Frage. Diese Frage war dann aber so einfach, dass ich sie selbst beantworten konnte.»
«Vergesst nicht: Wenn einer unter einer Last zusammenbricht, kann das zwei Gründe haben: Entweder fehlt es ihm an der notwendigen Kraft, oder aber die Last ist zu schwer für ihn. Es gibt aber auch Lasten, die drücken einen nieder, obwohl sie gar nicht so schwer sind. Das ist der Fall, wenn es das Falsche ist.»
Jemand sagte zu Z.: «Ich finde es grossartig, dass wir Menschen spirituelle Erfahrungen machen können.» «Das siehst du falsch», korrigierte ihn Z. «Wir sind nicht Menschen, die vielleicht einmal eine spirituelle Erfahrung machen können, sondern wir sind spirituelle Wesen, die gerade eine menschliche Erfahrung machen.»
Als man Z. wieder einmal tadelte, den Leuten gegenüber viel zu offen und zu vertrauensselig zu sein, kam die Antwort: «Ich lasse mir nicht in die Karten schauen. Ich zeige sie allen.»
Ein Schüler legte Z. stolz seine Aphorismen-Sammlung vor, die er unter dem Titel ‚Za-Zen-Weisheiten’ zu publizieren gedachte. Z. war gar nicht begeistert. «Deine Sammlung hat den falschen Titel», kam die Antwort. «du solltest sie ‚Bin-Sen-Wahrheiten’ nennen.»
«Verwechselt diese beiden nie:», mahnte Z. immer wieder, «den kleinen Hunger nach Glück und den grossen Hunger nach Erkenntnis. Seid euch immer bewusst, was euch antreibt.»
«Sucht nicht nur im Osten nach Weisheit», riet Z. immer wieder. «Es ist alles da, auch im Westen. Denkt etwa an ‚nil admirari’. Das findet ihr bei Zenon, Demokrit, Cicero und sicher noch bei anderen, und es bedeutet: ‚Nichts überbewerten, sich durch nichts aus der Fassung bringen lassen’. Kurz: ‚Kein Jubel, keine Trauer’. Im Sinne von: Kein übermässiger Jubel, keine übermässige Trauer.
Oder denkt an Martials ‚bonus vir semper tiro’: ‚Ein guter Mensch bleibt immer ein Anfänger (Lehrling)’. Im Sinne von: Ein guter Mensch wird oft getäuscht, weil er immer unbefangen ist.»
Zum Thema Globalisierung stellte Z. nur trocken fest: «Das habt ihr jetzt davon: Es gibt keine Aussenpolitik mehr; alles ist Welt-Innenpolitik.»
Einmal verglich jemand Z. mit einem Baum. Doch Z. winkte ab: «Ein Baum bewegt sich kaum und steht sein Leben lang an ein- und derselben Stelle. Nein, ich bin kein Baum und will auch keiner sein.»
«Mach alles, was du schon unzählige Male gemacht hast, so, als ob du es zum ersten Mal machen würdest. Oder zum letzten.»
Z. sagte einmal: «Fällt ein Kieselstein in einen leeren Brunnen, ruft er ein grosses Geräusch hervor. Ist der Brunnen voll, gibt es nur ein leises ‚Plop’.» Doch niemand verstand. «Was willst du damit sagen?», fragten die Leute. Z. antwortete: «Der Brunnen bist du, der Kieselstein ist ein Problem, eine Herausforderung. Wenn du innerlich ausgefüllt, reich bist, hat das Problem kaum Resonanz. Wenn du innerlich ausgetrocknet bist, hallt schon ein relativ kleines Problem in deiner ganzen Persönlichkeit wider.»
«Wohin willst du? Nach aussen oder nach innen? Die meisten Lehrer führen dich nach aussen, irgendwohin. Die wenigsten führen dich nach innen.»/h6>
«Gottessuche ist Gotteslästerung», sagte Z., fügte aber sofort hinzu, das sei noch nicht der ganze Satz, das dürfe man so nicht stehen lassen oder gar so zitieren. «Gottessuche ist Gotteslästerung, weil sie die Allgegenwart Gottes negiert. Gott musst du nicht suchen, er ist da, wartet auf dich, steht neben dir. Nur hast du das möglicherweise noch nicht bemerkt.»
«Wenn du einem Riesen begegnest, versichere dich zuerst, ob es sich nicht um den Schatten eines Zwerges handelt.»
«So viele Geschichten, so viele Gedichte, Romane, Drehbücher, so viele Musikstücke, so viele Bilder warten darauf, erzählt, geschrieben, komponiert und gemalt zu werden. Sie suchen uns. Wir aber sind mit anderem beschäftigt.»
Z. sagte: «Was jemand kann, interessiert mich nicht so sehr. Viel wichtiger ist es, was er damit macht. Darum ist Spitzensport Unsinn – einfach nur schnell sein oder hoch springen können, ist nicht von Wichtigkeit.»
Auf die Frage, ob man sich an Gebote halten solle, antwortete Z.: «Die Gebote sind für die Gottlosen. Auch ohne ein einziges Gesetz werden die Aufrichtigen alles Leben lieben und die Schöpfung in Ehren halten.»
«Strebt nicht nach Fortschritten», sagte Z. immer wieder zur Verblüffung und zum Ärger vieler. «Fortschritt ist linear, eindimensional. Entwickle dich vielmehr in alle Richtungen und in alle Dimensionen, rundherum, pulsiere, reife!»
Ein Schriftsteller klagte Z., er habe keine Ideen mehr, die Inspiration habe ihn verlassen. Z.’s Rat lautete: «Du bist zu streng! Lass erst mal alle Ideen zu. Auch eine weniger gute Idee ist möglicherweise der Nährboden für eine bessere Idee. Wage es, leg los: Worte ziehen weitere Worte an, Striche weitere Striche, Töne weitere Töne. Sortiere, werte erst später!»
Z. hatte Formulierungen wie ‚halbvolles’ oder ‚halbleeres’ Glas leid. «So ein Unsinn», kam es dann mürrisch von Z., «das ist doch einfach ein Glas mit einer bestimmten Menge Flüssigkeit drin. Alles andere ist Interpretation und darum irreführend!»
Z. liebte folgendes Warnschild: «Warnung vor dem Leben: Es kann tödlich verlaufen!»
«Heute habe ich nur kurz meditiert, ich schäme mich dafür», gestand ein jüngerer Schüler Z. Doch Z. schüttelte nur den Kopf: «Die Natur ist nicht beleidigt, wenn du nur einen kurzen Spaziergang machst.»
Z. pflegte zu sagen: «Wir sind alle gleich alt» und erntete damit viel Unverständnis und Kopfschütteln. «Dabei ist es so einfach: Die Erde, dieser Planet, worauf wir alle zurzeit unsere Leben fristen, ist eine Etappe von vielen auf dem Weg unserer Entwicklung. Wir haben hier etwas ganz Bestimmtes zu lernen. Vorher waren wir woanders, nachher wird es woanders weitergehen. Man kann sich das so vorstellen, dass wir alle hier auf der Welt eine Schulklasse bilden, mit dem Ziel, einen bestimmten Stoff zu lernen. Und sind in einer Schulklasse jeweils nicht alle ungefähr gleich alt?»
Als sich jemand darüber beklagte, dass der moderne Kunstbetrieb die alten Rituale und Gewohnheiten nicht abzulegen vermag, meinte Z. nur trocken: «Auch ein abstraktes Bild braucht einen Rahmen.»
Z. kommt von einer Wanderung nach Hause zurück und erzählt: «Als ich unterwegs über eine Wurzel gestolpert bin, hatte ich spontan das Gefühl, mich umdrehen zu müssen und mich bei ihr zu entschuldigen.»
Ein Schüler gab bei Z. mit der Anzahl der von ihm bereits bestiegenen Berge an, um Eindruck zu machen. Z. winkte nur müde ab: «Geh du weiterhin ins Gebirge, um Gipfel zu erobern. Ich gehe ins Gebirge, weil ich die Gesellschaft der Berge suche.»
«Das Leben ist eine Zugfahrt», sagte Z. «Im selben Zug sitzen Leute, die zum ersten Mal diese Strecke fahren und entsprechend aufmerksam sind und alles begeistert aufnehmen, und Leute, die nicht mehr aus dem Fenster schauen, weil sie diese Strecke sehr gut kennen. Noch andere schlafen.»
Als Z. und einige Schüler und Schülerinnen nach längerem Aufstieg auf dem Gipfel angekommen waren, rief ein Schüler begeistert aus: «Ich danke dem Weg, dass er mich zu diesem wunderbaren Ziel geführt hat!» «Ich danke dem Ziel, dass es mich dazu gebracht hat, diesen schönen Weg zu gehen», brummte Z. nur.
Einmal sagte Z. zu einem Schüler: «Dein Problem ist, dass du dir selbst kein guter Begleiter bist. Du nimmst nicht Anteil an dir. Versuche, dir ein aufmerksamer, ein dir wohlwollend zugeneigter Begleiter zu sein.»
«Ist es eine Leistung, wenn der Bumerang zurückkommt?», fragte Z. in die Runde. «Nein! Was ist denn die Aufgabe des Bumerangs? Zurückzukommen? Nein: Sein Ziel ist zu treffen. Er kommt nur zurück, wenn er nicht getroffen hat.»
Als eine Bekannte eine sehr unangenehme Erfahrung gemacht hatte, sagte Z.: «Wir stehen im Leben auf zwei Bühnen gleichzeitig: Auf der kosmischen Bühne, und auf der Bühne des hiesigen Lebens. Verwechslungen bringen oft Verwirrung und Leid.»
«Sind wir denn nichts?», rief Z. einmal aus. «Warum müssen wir immer ‚etwas aus uns machen’? Wir müssen über lange Jahre so viel lernen, dass wir dabei uns selbst gänzlich abhanden kommen! Da kann ich nur sagen: Viel Lern um nichts! Wir müssen nicht Wissen und Fertigkeiten anhäufen, wir müssen das entfalten, was in uns angelegt ist!»
«Diese Frage ist zu schwierig, darauf werde ich nie eine Antwort finden können!», seufzt eine Schülerin. «Das siehst du falsch», sagt da Z., «diese Frage ist zu einfach. Auf die einfachen Fragen ist es schwierig, Antworten zu finden, nicht auf die schwierigen!»
Z. kam manchmal ins Grübeln. «Achtet auf die Kinder, hört ihnen gut zu. Wer weiss, dass man nicht dann ‚gross’ war, als man noch klein war? Vielleicht ist die Kindheit der grossartigste und kostbarste Teil unseres Lebens? Wir täten gut daran, möglichst viel davon ins Erwachsenenalter hinüberzuretten.»
«Was heisst ‚gewinnen’? Was heisst ‚verlieren’?», sinnierte Z. «Der ‚Gewinner’ soll sich schämen: Durch seinen ‚Sieg’ hat er hat so viele zu Verlierern gemacht. Ist das eine Leistung?»
«Es ist doch so», holte Z. aus, «dass die Kunst das Wesen der Dinge erfassen will, und nicht die Dinge selbst. Wie ist es nun zum Beispiel beim Glück, bei der Weisheit? Geht es nicht auch hier darum, das Wesen des Glücklich-Seins und das Wesen des Weise-Seins zu verstehen, zu erfassen?»
«Was mir oft zu schaffen macht», philosophierte Z. eines Tages, «ist die oft unmittelbare Nachbarschaft der grossen und der kleinen Dinge der Welt. Die kleinen Dinge gehen unter oder sie werden von den grossen Dingen verdeckt. Die grossen Dinge fallen uns sofort ins Auge und nehmen uns gefangen. Was aber ist – von ihrem Wesen her – ‚gross’ oder ‚klein’? Das immer wieder entscheiden zu müssen, kann einen ganz schön verwirren!»
«Warum ist es so wichtig, ruhig zu werden und besonnen zu sein in allen Lebenslagen?», wurde Z. einmal gefragt. «Weil Du erst auf den Grund siehst, wenn sich die Wasseroberfläche beruhigt hat.»
Eines Tages sagte ein Schüler zu Z., dieser blicke auf ein langes, reiches Leben mit vielen prägenden Erlebnissen zurück. «Es ist egal, wie viel du erlebt hast», gab ihm Z. zur Antwort. «Wichtig ist, die richtigen Erkenntnisse aus dem Vielen oder dem Wenigen zu ziehen, die Qualität der einzelnen Erlebnisse zu erkennen. Etwas scheinbar Nebensächliches ist möglicherweise viel wichtiger als etwas Spektakuläres.»
«Wenn du einst wirst sagen können: ‚Ich komme nicht. Ich gehe nicht, ich bin da.’ – dann bist du angekommen. Angekommen im Jetzt. Angekommen im Hier. Angekommen im Sein.»
«Wisst ihr eigentlich, » fragte Z. eines Tages auf einer Wanderung, «warum ich so gerne in den Bergen bin? Weil ich hier den Kopf in den Wolken haben und dennoch mit beiden Füssen auf dem Boden stehen kann.»
«Was ist Kunst? Was ist Liebe? Was ist Weisheit? – Man weiss es nicht. Man spürt es, wenn es da ist, man vermisst es, wenn es nicht da ist. Aber was es ist, das weiss man nicht.»
Jemand bezeichnete Z. als ‚Wegweiser’ und glaubte, damit grosse Wertschätzung für ihn zum Ausdruck zu bringen. Dem war aber nicht so. «Ich weise doch niemanden weg!» erwiderte Z. schalkhaft. «Wegweiser stehen da, unverrückbar, weisen wohl in eine bestimmte Richtung, gehen sie aber nicht selbst und lassen dich schnell wieder allein. Ich aber will mit meinen Schülern gemeinsam ein Stück Weg gehen. Da gefällt mir das griechische Wort ‚Pädagoge’ viel besser: Der ‚paid-agogós’ ist derjenige, der mit dem Schüler ‚auf dem Weg’ ist, ihn begleitet. Alle beide sind unterwegs.»