1 Lehrer

Z. liebte es, den Studierenden bei Gesprächen über das Lehrer-Schüler-Verhältnis zuzuhören. Darauf angesprochen, kam schmunzelnd die Antwort: «Ich verstehe einfach nicht, worüber ihr sprecht. Lehrer? Was ist denn das? Es gibt doch keine Lehrer, wir sind doch alles Schüler!»

 

4 Die Bestimmung

«Diese Bestimmung …», seufzte Z. des Öfteren, «diese Bestimmung! Es ist so schwer, sie zu erkennen und daran zu glauben. Sie zu leben, ist dann schliesslich einfach.»

 

6 Schönheit

Z. hatte einen Schüler, der immer von der Schönheit schwärmte, von Naturschönheiten, von schöner Kunst. Z. entgegnete ihm einmal: «Ist dir auch schon aufgefallen, dass dem Schönen gleichzeitig immer auch etwas Trauriges innewohnt? Die Faszination der Schönheit liegt in ihrer Vergänglichkeit. Vielleicht ist sie uns deshalb Trost.»

 

7 Quelle

«’Wer zur Quelle will, muss gegen den Strom schwimmen’, sagt man, … so ein Unsinn! Ihr müsst nirgendwohin schwimmen!», widersprach Z., «Ihr seid selbst die Quelle!»

 

10 Die Last

«Vergesst nicht: Wenn einer unter einer Last zusammenbricht, kann das zwei Gründe haben: Entweder fehlt es ihm an der notwendigen Kraft, oder aber die Last ist zu schwer für ihn. Es gibt aber auch Lasten, die drücken einen nieder, obwohl sie gar nicht so schwer sind. Das ist der Fall, wenn es das Falsche ist.»

 

14 Keine Verwechslung!

«Verwechselt diese beiden nie:», mahnte Z. immer wieder, «den kleinen Hunger nach Glück und den grossen Hunger nach Erkenntnis. Seid euch immer bewusst, was euch antreibt.»

 

16 Aussenpolitik

Zum Thema Globalisierung stellte Z. nur trocken fest: «Das habt ihr jetzt davon: Es gibt keine Aussenpolitik mehr; alles ist Welt-Innenpolitik.»

 

17 Z., der Baum

Einmal verglich jemand Z. mit einem Baum. Doch Z. winkte ab: «Ein Baum bewegt sich kaum und steht sein Leben lang an ein- und derselben Stelle. Nein, ich bin kein Baum und will auch keiner sein.»

 

18 Rat

«Mach alles, was du schon unzählige Male gemacht hast, so, als ob du es zum ersten Mal machen würdest. Oder zum letzten.»

 

20 Wohin?

«Wohin willst du? Nach aussen oder nach innen? Die meisten Lehrer führen dich nach aussen, irgendwohin. Die wenigsten führen dich nach innen.»/h6>
 

22 Der Riese

«Wenn du einem Riesen begegnest, versichere dich zuerst, ob es sich nicht um den Schatten eines Zwerges handelt.»

 

23 Mit anderem beschäftigt …

«So viele Geschichten, so viele Gedichte, Romane, Drehbücher, so viele Musikstücke, so viele Bilder warten darauf, erzählt, geschrieben, komponiert und gemalt zu werden. Sie suchen uns. Wir aber sind mit anderem beschäftigt.»

 

26 Fortschritt

«Strebt nicht nach Fortschritten», sagte Z. immer wieder zur Verblüffung und zum Ärger vieler. «Fortschritt ist linear, eindimensional. Entwickle dich vielmehr in alle Richtungen und in alle Dimensionen, rundherum, pulsiere, reife!»

 

27 Keine Ideen mehr

Ein Schriftsteller klagte Z., er habe keine Ideen mehr, die Inspiration habe ihn verlassen. Z.’s Rat lautete: «Du bist zu streng! Lass erst mal alle Ideen zu. Auch eine weniger gute Idee ist möglicherweise der Nährboden für eine bessere Idee. Wage es, leg los: Worte ziehen weitere Worte an, Striche weitere Striche, Töne weitere Töne. Sortiere, werte erst später!»

 

28 Das halbgefüllte Glas

Z. hatte Formulierungen wie ‚halbvolles’ oder ‚halbleeres’ Glas leid. «So ein Unsinn», kam es dann mürrisch von Z., «das ist doch einfach ein Glas mit einer bestimmten Menge Flüssigkeit drin. Alles andere ist Interpretation und darum irreführend!»

 

29 Warnung

Z. liebte folgendes Warnschild: «Warnung vor dem Leben: Es kann tödlich verlaufen!»

 

31 Gleich alt

Z. pflegte zu sagen: «Wir sind alle gleich alt» und erntete damit viel Unverständnis und Kopfschütteln. «Dabei ist es so einfach: Die Erde, dieser Planet, worauf wir alle zurzeit unsere Leben fristen, ist eine Etappe von vielen auf dem Weg unserer Entwicklung. Wir haben hier etwas ganz Bestimmtes zu lernen. Vorher waren wir woanders, nachher wird es woanders weitergehen. Man kann sich das so vorstellen, dass wir alle hier auf der Welt eine Schulklasse bilden, mit dem Ziel, einen bestimmten Stoff zu lernen. Und sind in einer Schulklasse jeweils nicht alle ungefähr gleich alt?»

 

32 Der moderne Kunstbetrieb

Als sich jemand darüber beklagte, dass der moderne Kunstbetrieb die alten Rituale und Gewohnheiten nicht abzulegen vermag, meinte Z. nur trocken: «Auch ein abstraktes Bild braucht einen Rahmen.»

 

34 Der Angeber

Ein Schüler gab bei Z. mit der Anzahl der von ihm bereits bestiegenen Berge an, um Eindruck zu machen. Z. winkte nur müde ab: «Geh du weiterhin ins Gebirge, um Gipfel zu erobern. Ich gehe ins Gebirge, weil ich die Gesellschaft der Berge suche.»

 

35 Die Zugfahrt

«Das Leben ist eine Zugfahrt», sagte Z. «Im selben Zug sitzen Leute, die zum ersten Mal diese Strecke fahren und entsprechend aufmerksam sind und alles begeistert aufnehmen, und Leute, die nicht mehr aus dem Fenster schauen, weil sie diese Strecke sehr gut kennen. Noch andere schlafen.»

 

37 Begleiter sein

Einmal sagte Z. zu einem Schüler: «Dein Problem ist, dass du dir selbst kein guter Begleiter bist. Du nimmst nicht Anteil an dir. Versuche, dir ein aufmerksamer, ein dir wohlwollend zugeneigter Begleiter zu sein.»

 

38 Der Bumerang

«Ist es eine Leistung, wenn der Bumerang zurückkommt?», fragte Z. in die Runde. «Nein! Was ist denn die Aufgabe des Bumerangs? Zurückzukommen? Nein: Sein Ziel ist zu treffen. Er kommt nur zurück, wenn er nicht getroffen hat.»

 

40 Viel Lern um nichts!

«Sind wir denn nichts?», rief Z. einmal aus. «Warum müssen wir immer ‚etwas aus uns machen’? Wir müssen über lange Jahre so viel lernen, dass wir dabei uns selbst gänzlich abhanden kommen! Da kann ich nur sagen: Viel Lern um nichts! Wir müssen nicht Wissen und Fertigkeiten anhäufen, wir müssen das entfalten, was in uns angelegt ist!»

 

41 Schwierige Frage

«Diese Frage ist zu schwierig, darauf werde ich nie eine Antwort finden können!», seufzt eine Schülerin. «Das siehst du falsch», sagt da Z., «diese Frage ist zu einfach. Auf die einfachen Fragen ist es schwierig, Antworten zu finden, nicht auf die schwierigen!»

 

42 Die Kinder

Z. kam manchmal ins Grübeln. «Achtet auf die Kinder, hört ihnen gut zu. Wer weiss, dass man nicht dann ‚gross’ war, als man noch klein war? Vielleicht ist die Kindheit der grossartigste und kostbarste Teil unseres Lebens? Wir täten gut daran, möglichst viel davon ins Erwachsenenalter hinüberzuretten.»

 

43 Gewinnen und verlieren

«Was heisst ‚gewinnen’? Was heisst ‚verlieren’?», sinnierte Z. «Der ‚Gewinner’ soll sich schämen: Durch seinen ‚Sieg’ hat er hat so viele zu Verlierern gemacht. Ist das eine Leistung?»

 

45 Nachbarschaft

«Was mir oft zu schaffen macht», philosophierte Z. eines Tages, «ist die oft unmittelbare Nachbarschaft der grossen und der kleinen Dinge der Welt. Die kleinen Dinge gehen unter oder sie werden von den grossen Dingen verdeckt. Die grossen Dinge fallen uns sofort ins Auge und nehmen uns gefangen. Was aber ist – von ihrem Wesen her – ‚gross’ oder ‚klein’? Das immer wieder entscheiden zu müssen, kann einen ganz schön verwirren!»

 

46 Auf den Grund sehen

«Warum ist es so wichtig, ruhig zu werden und besonnen zu sein in allen Lebenslagen?», wurde Z. einmal gefragt. «Weil Du erst auf den Grund siehst, wenn sich die Wasseroberfläche beruhigt hat.»

 

47 Die Qualität

Eines Tages sagte ein Schüler zu Z., dieser blicke auf ein langes, reiches Leben mit vielen prägenden Erlebnissen zurück. «Es ist egal, wie viel du erlebt hast», gab ihm Z. zur Antwort. «Wichtig ist, die richtigen Erkenntnisse aus dem Vielen oder dem Wenigen zu ziehen, die Qualität der einzelnen Erlebnisse zu erkennen. Etwas scheinbar Nebensächliches ist möglicherweise viel wichtiger als etwas Spektakuläres.»

 

48 Ankommen

«Wenn du einst wirst sagen können: ‚Ich komme nicht. Ich gehe nicht, ich bin da.’ – dann bist du angekommen. Angekommen im Jetzt. Angekommen im Hier. Angekommen im Sein.»

 

49 In den Bergen

«Wisst ihr eigentlich, » fragte Z. eines Tages auf einer Wanderung, «warum ich so gerne in den Bergen bin? Weil ich hier den Kopf in den Wolken haben und dennoch mit beiden Füssen auf dem Boden stehen kann.»